MIME MISU - DER REGISSEUR DES ERSTEN "TITANIC"-FILMS

von Kirsten Otto und Lydia Wiehring von Wendrin / Hochschulbibliothek der HFF


Dieser klangvolle Name ist seit einigen Tagen in aller Munde.
Wer war nun dieser Mime Misu?
Umfangreiche Recherchen in unserer gut ausgestatteten Bibliothek haben folgendes ergeben:

Als erster Regisseur, der sich mit der"Titanic-Thematik" befasste, hat Mime Misu seine Spuren in der Filmgeschichte hinterlassen.
Bereits im Juni 1912, also knapp 2 Monate nach der Tragödie, drehte er in den Ateliers der "Continental-Kunstfilm" GmbH, Berlin in der Chausseestr. 123, seinen Film
"In Nacht und Eis", Arbeitstitel: "Titanic".

Kamera: Willy Hameister, Emil Schünemann, Viktor Zimmermann
Bauten: Siegfried Wroblewsky
Darsteller: Anton Ernst Rückert, Otto Rippert, Waldemar Hecker

Das "Preußische Zentralpolizeiblatt" von 1912; Eintrag Nr. 18966 bis 18968 bestätigt dem Film:
"... vorstehendes Bild wird hiermit zur öffentlichen Vorführung im Ortspolizeibereich Berlin zugelassen auch für Donnerstag und Sonnabend der Karwoche und den Totensonntag darf jedoch nicht vor Kindern zur Vorführung gelangen".
Die beanstandete Szene: "... Zusammenstoß des Dampfers mit Eisberg, Aufregende Szenen beim Schiffsuntergang".
(Originaltext)

In München jedoch erhält der Film, ohne Angabe der Zensurgründe, ein Verbot.

Das Berliner Tageblatt und Handelszeitung, 41. Jg. Nr. 288 vom 8.6.1912 berichtet ausführlich über die Dreharbeiten u.a.:
"... Der Direktor selber war Kapitän, er weiß, wie es gewesen ist ..."

Premiere ist am 17. August 1912.

Bereits kurze Zeit später dreht Mime Misu seinen nächsten Film "Das Marienwunder : eine alte Legende". Drehort ist wiederrum das "Continental-Film-Atelier" in der Berliner Chausseestr. 123. Die Außenaufnahmen finden im Kloster Chorin und Umgebung statt.
Die Zensur für Berlin erfolgte am 19.10.1912 (Kartennummer nicht bekannt) sowie im Mai 1913, dann allerdings unter leicht verändertem Titel
"Eine alte Legende: Das Marienwunder".

Kamera: Emil Schünemann
Darsteller: Lore Giesen, Anton Ernst Rückert

In Fragen der Kameraführung und Besetzung zeichnet sich hier eine gewisse Kontinuität ab, offensichtlich "konnten" der Regisseur Misu und der Kameramann Schünemann (der später oft mit Fritz Lang arbeitete) "gut miteinander".


Der nächste, und wahrscheinlich letzte Film den Mime Misu in Deutschland gedreht hat, ist 1913 "Der Excentric-Club". Wieder geht es um eine Schiffskatastrophe.
Diesmal wird der Film von der Projektions-AG "Union" (PAGU) in Berlin produziert.
Bei diesem Film ist Mime Misu nicht nur als Autor und Regisseur tätig, sondern auch als Hauptdarsteller.
Auch dieser Film wird von der Zensurbehörde in Berlin für Kinder verboten.
In München jedoch wird eine Begründung für ein teilweises Verbot von Szenen gegeben:
"... Sterbeszene. Der Rheder reißt das Hemd auf u. sinkt vornüber zu Boden." (Originaltext: Bayerisches Zentralpolizeiblatt, Nr.: 10995).
Weitere Darsteller in diesem Film waren: Margarete Wichmann, Marie Kläs, Alfred Tostary und Hugo Werner-Kahle.

Über diesen Film berichtet ebenfalls das Berliner Tageblatt und Handelszeitung in seiner Ausgabe vom 26.7. 1913 (Nr. 375).

Die Spur des filmischen Schaffens Mime Misus in Deutschland verliert sich danach für einige Zeit.

1914 dreht Mime Misu bei Metropolitan Film Co., in den USA, seinen letzten uns heute bekannten Film " The Money God". Als Linzenzdatum wird hier der 10.2.1914 mit der Nummer 2118 angegeben.

In der legendären Zeitschrift "Licht-Bild-Bühne", 8. Jg. 1915, Nr. 33 vom 14.08. findet sich auf S. 77 unter der Rubrik "Adressen der Regisseure" folgender Eintrag:

Misu, Mime, Berlin W., Nachodstr. 25

Diese Rubrik gab es auch schon in vorherigen Jahrgängen, dort tauchte Misu bis dato allerdings nie auf. Ist Mime Misu also nach seinem "Dreh" in den USA wieder nach Deutschland zurückkehrt und hat sich in dieses Adressverzeichnis eintragen lassen um auf
sich aufmerksam zu machen oder ist dies ein veralteter Eintrag, der erst 1915 zum Abdruck gelangte?

Ein letzter Hinweis auf Misu könnte sich in den Artikeln aus dem "Film-Kurier"Jahrgang 1921 verstecken.
Hier ist in der Ausgabe vom 02.03.1921 ein Artikel über "Misugraph-Film Co." zu finden.
Noch aufschlußreicher scheint ein Artikel vom 08.03.1921, hier wird präzisiert über "Misugraph Film Co." New York / Berlin berichtet.
Offensichtlich handelt es sich hier um einen Rechtsstreit.

Im Reichs-Kino-Adressbuch 1920/21 wird unter der Rubrik "Telegramm-Adressen" die Firma
Misugraphfilm, Berlin: Misugraph Film Co. G.m.b.H., Berlin Martin-Luther-Straße 28
angeführt.
Wenn man den Stadftplan von Berlin betrachtet, ist diese Adresse unweit der 1915 in der L.B.B. angegebenen Wohnanschrift : Nachodstraße 25.

Für jegliche Hinweise und Korrekturen wären wir sehr dankbar.
Die Verwendung bzw. Veröffentlichung des Textes nur mit vorheriger Genehmigung der Verfasserinnen

LITERATUR:

Cinegraph : Lexikon zum deutschsprachigen Film. -
Hamburg, Loseblattausgabe
42. Lieferung / April 2006
Mime Misu. - 10 S. Biographie ; 2 S. Filmographie
 
Film-Kurier.Index : Jahrgang 1921 / hrsg. von CineGraph und Stiftung Deutsche Kinemathek, Hamburg und Berlin, 1997

Film-Kurier : Tageszeitung : Theater, Varietè, Mode, Sport, Berlin, 1921
Ausgaben vom 2.3. und 8.3.1921

Hanisch, Michael: Auf den Spuren der Filmgeschichte : Berliner Schauplätze, Berlin : Henschelverl., 1991

Kintop : Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films ; 10
darin: S. 73-87
Wedel, Michael:
Misu's Mirakel : eine transatlantische Karriere, eine transatlantische Kontroverse. -
 
Lamprecht, Gerhard: Deutsche Stummfilme, Berlin, Deutsche Kinemathek, 1969
Bd.: 1903-1912
Bd.: 1913-1914

Licht-Bild-Bühne : das Fachorgan für das Interessengebiet der Kinematographen Theaterpraxis : Berlin
Nr. 1 vom 3.1. 1914, S. 38-40

Moving Pictures 1912-1939 / Library of Congress, o.J.

Reichs-Kino-Adressbuch 1920/21. - Berlin, Verl. d. Lichtbild-Bühne

Verzeichnis in Deutschland gelaufener Filme 1911-1920 / Hrsg.: Herbert Birett,
München : Saur, 1980


Literaturhinweis zum Thema:
Bottomore, Stephen: The Titanic and Silent Cinema. - Hastings : The Projection Box, 2000. - 191 S.
Ab Seite 115 befaßt sich der Autor mit dem Film "In Nacht und Eis" und bezieht sich dabei auch auf diese Internetseite!

Herzlichen Dank an Michael Wedel, der uns auf den Artikel "Der Film-Regisseur als schöpferischer Künstler" in der Licht-Bild-Bühne vom 03.01.1914 aufmerksam gemacht hat.

Danke für den Hinweis von Theodore J. van Houten (Artistic Manager / Aalsmeer, Niederlande)!

In den Niederlanden arbeitete Mime Misu unter dem Namen Misu Rosescu.
1915 drehte er den Film "Ontmaskerd".
Der Film enthält u.a. eine Schiffbruchszene, wohl als Reminiszenz an seinen Film
"In Nacht und Eis".
Ontmaskerd
English: Unmasked
Aka: De Wereld (The World)
Prduction: Filmfabriek-Hollandia
Producer: Maurits H. Binger
Year: 1915
Director: Misu Rosescu (d.i. Mime Misu)
 
aus: Donaldson, Geoffrey: Of Joy and Sorrow : a Filmography of Dutch Silent Fiction. -
Amsterdam, 1997
(diese Information erhielten wir von Dr. Michael Wedel)


Titanic : o ignorata prioritate cinematografica romaneasca / Tudor Caranfil. In: Lumea Magazin. - Bucuesti. - Nr. 5, 1999.

Neue Hinweise zu Mime Misu in der Zeitschrift KINEMA:


Kinema: 3, 1913, H. 47, S. 5


Kinema: 4, 1914, H. 8, S. 6

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