1978 / XXI.

Aus dem Protokoll:

Burkhardt, Bernd: Der Alltag im Sozialismus - Mittelpunkt der künstlerischen Ausbildung an der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR

Peter Ulbrich, Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR
Sozialistische Wirklichkeit, das ist der Stoff, aus dem die Filme unserer Studenten gemacht sind
Zum "Tag der sozialistischen Länder" läuft in diesem Jahr in einer Sonderveranstaltung ein Programm von Studentenfilmen der HFF. Die künstlerische Bewältigung von Themen aus der Gegenwart ist für erfahrene Filmemacher nicht immer leicht. Ist es für Studenten, die doch in starkem Maße noch mit handwerklichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, nicht eine zu große Aufgabe?
P.U.:
Gerade vor dem Hintergrund des "Tages der sozialistischen Länder" möchte ich aus der reichen Skala von möglichen Antworten zu der eben gestellten Frage auf eines aufmerksam machen: Wirklichkeit - sozialistische Wirklichkeit - das ist der Stoff, aus dem die Filme unserer Studenten gemacht sind. Junge Künstler setzen sich in der Phase des Lernens mit der Gegenwart auseinander, gerade das erklärt auch viel Unfertiges in ihren Filmen, aber gerade das macht die Filme lebendig und interessant, macht ihre Schöpfer aktiv, inklusive dessen, was die Frage des Erlernens des Handwerks betrifft. In der Konfrontation mit komplizierten Gegenständen und nicht abgeschlossenen Prozessen erlernen sie ihr Handwerk. Das Handwerk in unserem Beruf hat ja auch eine enorm geistige Dimension, das ist wichtig. Man vergißt das oft. Das liegt wohl an der ursprünglichen Wortbedeutung in der deutschen Sprache. Es wäre ja ohne Frage viel leichter, für Lehrende wie Lernende, bei Übungen und Etüden Variationen zu vorliegenden Drehbüchern der Meister abzuliefern oder lediglich Historie zu betrachten. Wir wählten den anderen Weg und sehen mit Freude dabei, daß die Lernenden die Verbündeten des Lehrenden werden und den Wert gerade dieses Weges erkennen. Wenn es so ist, daß die Gestaltung der Gegenwart das Hauptziel jeder künstlerischen Arbeit ist, dann ist es wohl selbstverständlich, daß auch eine künstlerische Ausbildung eine Ausbildung mit, an und in der Gegenwart ist.
In den Diskussionen vergangener Jahre wurden immer wieder die Lebensnähe, das politische Engagement und das Gespür für wichtige Fragen unserer gesellschaftlichen Entwicklung in den Studentenfilmen hervorgehoben.
Könnte man daraus nicht schlußfolgern, daß nicht nur die Studenten von den erfahrenen Kollegen lernen können, sondern diese auch von ihnen?
P.U.:
Ob die Älteren von den Jüngeren etwas lernen können, das müssen die Älteren beantworten (vielleicht äußern sie sich noch in diesem Festival-Bulletin dazu!). Unser Lehrauftrag ist auf die Jüngeren konzentriert. Was allerdings die Frische und Lebensnähe in den Werken der Jungen betrifft, so teile ich absolut diese Ansicht. Wo liegen die Gründe dafür?Man darf heute sagen, daß die Auseinandersetzung mit der Gegenwart in der Form ihrer Aneignung durch den Dokumentarfilm zu einer Tradition bei uns geworden ist; da gibt es kein Zurück mehr, Gott sei Dank!
Als wir im Jahre 1970 das Schiff des Dokumentarfilms auf Kiel legten in unserer Hochschule, und dies so breit ausholend, da hatten wir uns mit viel Zweifel ob der angezielten Dimension dieses Unternehmens auseinanderzusetzen.
Wenn uns heute Frische und Lebensnähe bestätigt wird, dann ist das nichts anderes als das Resultat der Tragfähigkeit des Schiffes - um in diesem Bild zu bleiben. Schließlich hebe ich auch sehr gern folgendes hervor: Frische, das ist zweifellos jenes, was Jugend immer einbringt, also gar nicht unser Verdienst.
Aber Lebensnähe in der Gestaltung resultiert immer ausLebenskenntnis.
Und wenn das den jungen Filmstudenten zu bestätigen ist, dann ist dies eine Bestätigung für das Konzept unserer Hochschule. Jenes Konzept nämlich, in dem in vielfältigen Formen als Bestandteil der Ausbildung Praktika in allen gesellschaftlichen Bereichen stattfinden. Und nicht etwa nur "Besuche" in der gesellschaftlichen Praxis, sondern im ursprünglichen Wortsinne: Praktika, wie Einsätze im Braunkohlentagebau und anderen Bereichen der materiellen Produktion, also Aneignung von gesellschaftlicher Praxis durch aktives Handeln in ihr.
Zur 22. Internationalen Dokumentar- und Kurzfilmwoche wird die HFF in Leipzig eine Retrospektive von Studentenfilmen zeigen. Dies ist für eine Film- und Fernsehhochschule doch sicherlich ein bisher einmaliges und großartiges Ereignis?
P.U.:
Im nächsten Jahr wird die Retrospektive dieses Festivals eine Retrospektive unserer Hochschule sein, d. h. eines der bedeutendsten Dokumentarfilmfestivals der Welt will eine Retrospektive vorwiegend mit Dokumentarfilmen von uns sehen. Ich kann im Namen aller meiner Kollegen und Studenten sagen, es wird interessant werden.
Selbst jene, die in den letzten acht Jahren in Leipzig jede unserer Sondervorführungen gesehen haben, haben noch immer nur ein Bruchteil dessen gesehen, was im Laufe der 25 Jahre des Bestehens der Hochschule auf diesem Arbeitsfeld geleistet worden ist. Es wird durch diese Retrospektive die Gelegenheit gegeben sein, den Prozeß der Entwicklung anschaulich zu erleben.
Wir freuen uns für unsere Studenten darauf, daß sie diese Plattform haben werden.
Man wird viel über die Entwicklung des Dokumentarfilms erfahren, viel über seine Stellung im Ausbildungsprozeß, viel über die Entwicklung und die Fähigkeiten der Persönlichkeiten, man wird viel über konkrete Lebensprozesse der gesellschaftlichen Entwicklung unserer Republik sehen.
Auch Studenten sind Zeugen dieser Entwicklung, und gute Zeugen, weil sie in ihr stehen, weil es ihr Leben ist.


Döschers (AT: Ernte)
Diplomfilm 35mm c 22:40min PJ: 1977
RE: Hans-Jürgen Schönemann - DR: Hans-Joachim Wallstein -
KA: Thomas Plenert - PL: Antje Ehlers - SC: Ingeborg Marszalek

Reingehen wie ein Löwe - Rauskommen wie ein Lamm
(AT: Dorfschulleher)
16mm s/w 20:56 min PJ: 1977
DB/RE: Joachim Jäckel - KA: Gerd Senkel - KA-AS: Jürgen Lubosch ;
Norbert Schmidt - PL: Thomas Görgner - DR: Roland Neumann -
SC: Ursula Henning

Trompete, Glocke, letzte Briefe
Diplomfilm 35mm s/w 20 min PJ: 1978
DB/RE: Peter Kahane - KA: Hansjoachim Sommer - KA-AS: Frank Däumich -
PL: Heidrun Oberst - DR: Roland Neumann - SC: Helga Wardeck
Preis der FIPRESCI-Jury

... und zurück bleibt der Alltag (AT: Lieber Mann)
16mm s/w ; c PJ: 1977
DB/RE: Marion Seifert - DB: Fritz-Martin Barber -
DR: Hans-Joachim Wallstein - KA: Norbert Schmidt - KA-AS: Gerd Senkel -
PL: Gabriele Grimm - SC: Gerda von Dorszewski

Zwei aus Soweto (AT: Somalia)
Diplomfilm 16mm c PJ: 1978
RE/KA: Hashim Said - DB: Erwin Berkert - KA-AS: Udo Rodig -
SC: Gerda von Dorszewski

Ehrende Anerkennung für den Gesamtbeitrag der Hochschule

1979 / XXII.

Sonderveranstaltung: "Werkstatt Hochschule: Studieren - Produzieren - Gestalten"


Ansichten oder ich weiß nicht ob es akzeptiert wird (AT: Ballettschule)
Hauptprüfungsfilm 35mm s/w 17 min PJ: 1979
RE/KA: Dietmar Wolf - DR: Angelika Mieth - PL: Roland Miethke

Eine Continental - oder - Was ihr wollt ...
Übung 16mm s/w 3:30 min PJ: 1979
RE/KA: Gabor Denes

Katharsis
Übung 16mm s/w 16:11 min PJ: 1979
RE: Hans-Ulrich Michel - KA: Andreas Bergmann - PL: Heinz Arnold

Rauch ohne Feuer
Diplomfilm 35mm PJ: 1979
DB/RE: Helge Trimpert - DB: Helmut Dziuba - KA: Hans Jürgen Reinicke -
PL: Martin Sonnabend

Verstecken
Übung 16mm s/w 9min PJ: 1979
RE: Helke Hoffmann - KA: Hans M. Schmidt - PL: Christian Sturm ;
Kerstin Fischer


Presse


... Interessant, formal zum Teil bereits beachtliche Kostproben aus der Arbeit der Hochschule brachte darüber hinaus eine Sonderveranstaltung WERKSTATT HOCHSCHULE, in der Erstlings-Kurzfilme von Studenten und Diplomanden zu sehen waren. Diese sechs Filme zwischen 5 und 30 Minuten Spieldauer gehörten zu denjenigen Beiträgen der 22. Leipziger Filmwoche, die den spontansten und herzlichsten Beifall erhielten. Drei dieser Beiträge verdienen besondere Erwähnung: Dietmar Rolf (gemeint ist Dietmar Wolf - Anm. d. Bearb.) gelingt in "Ansichten oder ich weiß nicht, ob es akzeptiert wird" ein unprätentiöses, gleichwohl abgerundetes Porträt einer Absolventin der Staatlichen Ballettschule Berlin. Lony Nathan hat ihr Studium abgeschlossen, nach dem Vortanz steht sie der Kommission Rede und Antwort - ein noch unangepaßtes, gleichwohl im Einsatz der eigenen Möglichkeiten gegenüber den Vertretern von Partei und Staatsmacht noch unerfahrenes und daher zögerndes junges Mädchen, das sich im Zwiespalt zwischen seinen Wünschen und den Anforderungen der Gesellschaft sieht. - Helke Hoffmann schafft in ihrem 9-Minuten-Film "Verstecken" in wenigen skizzenhaft angedeuteten Szenen eine Atmosphäre der Bedrohung, des Entsetzens, der animalischen Furcht: zwei Kinder spielen Verstecken , aber aus dem Spiel wird alsbald , im Handumdrehen, tödlicher Ernst, als der Junge sich gezwungen sieht, seine jüdische Spielgefährtin vor dem Zugriff der faschistischen Häscher zu verstecken. Den Gipfel freilich und Anlaß für wiederholte spontane Lachsalven im Festivalkino "Capitol" bot Helge Trimperts 30-Minuten-Kurzspielfilm "Rauch ohne Feuer", den sie (richtig "er" - Anm. d. Bearb.) nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Joachim Nowottnys (gemeint ist der Schriftsteller Joachim Nowotny - Anm. d. Bearb.) Band 'Eine merkwürdige Art von Liebe' inszeniert hatte: Da soll überraschend ein Genosse sowjetischer Major ins Dorf zu Besuch kommen; ein Genosse im Dorf wird beauftragt, den Empfang zu organisieren. Es kommt freilich alles ganz anders als vorgesehen. Der Film, offensichtlich in überschäumender Spiellaune gedreht, bietet ein Feuerwerk an politischem Witz und Spott auf menschliche Schwächen und das zugleich ohne wohlfeile Einfälle. Es gab 1979 in Leipzig nicht allzu viel zu lachen - Helge Trimperts Film wird als eine der großartigen Ausnahmen in Erinnerung bleiben. ...

(In: Film-Korrespondenz, Köln v. 18,12.1979, Nr. 18)

... Zu den interessantesten Programmen gehören wie immer die Vorführung von Arbeiten Babelsberger Filmstudenten. Auch in Übungen von Erstsemestern kündigten sich hier schon erfreuliche Begabungen an. Inhaltlich reichte die Palette von einer Episode aus der nazistischen Judenverfolgung über die zeitlose Parabel und das formale Experiment bis zur DDR-Gegenwart. Der kurze Diplom-Spielfilm "Rauch ohne Feuer" von Helge Trimpert schildert Vorbereitungen zum Empfang einer sowjetischen Delegation, bei dem dann alles ganz anders als geplant verläuft. Die humorvoll-kritische Betrachtung von DDR-Gegenwart hat an dieser HOCHSCHULE Tradition. Man konnte es bei verschiedenen Filmen der Retrospektive feststellen, die aus Anlaß des 25jährigen Jubiläums der Babelsberger Ausbildungsstätte noch einmal dort früher entstandene Arbeiten präsentierte. Das provozierte auch Gedanken zur Nachwuchspflege. Nicht alle Talente konnten sich dann in der Praxis auch wirklich frei entfalten. Eine ständige Verjüngung wie etwa in Polen hat in den letzten Jahren weder beim Spiel- noch beim Dokumentarfilm in der DDR stattgefunden. In diesem Jahr gab es ein Spielfilmdebüt eines Hochschulabsolventen, im kommenden Jahr sind zwei solcher Erstlingsarbeiten zu erwarten. Die Leipziger Retrospektive ließ auf Mehr hoffen.

(In: Kersten, Heinz: Ost-Gold für West-Film : die 22. Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche. Der Tagesspiegel, Berlin (West) v. 5.12.1979)

... Die Gespräche und Diskussionen am konkreten Beispiel eines Films oder eines Trends, sie kommen in Leipzig und anderswo zu kurz. Das spürte man in diesem Jahr ganz besonders bei der Konferenz der Babelsberger Filmhochschule. Wieder zeigte sich, mit wie viel Offenheit, Selbstverständnis und Spontaneität die jungen Filmemacher sich an ihre vorgegebenen Themen machen, wie sie imstande sind, Tiefen auszuloten, die die Generation vor ihnen gar nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Daß es trotzdem auf einem solchen Festival mit einem reichhaltigen Programmangebot auch interessante Filme gab, das ist ja fast schon selbstverständlich, doch sie gingen eben unter in einem Wust von Mittelmaß, von ärgerlicher Oberflächlichkeit und wenn man registriert, daß drei der Hochschulfilme sich mit den besten Arbeiten des Wettbewerbs messen konnten, so muß man auch feststellen, daß wie im Vorjahr das gesamte Hochschulprogramm begeisterte und schlichtweg besser war. "Verstecken" hieß eine Übung aus dem 1. Studienjahr. Ein Kinderreim, ein Spiel, aus Spiel wird ernst: Der kleine Junge versteckt seine jüdische Spielkameradin vor den lauten Stiefeltritten. Eine sparsame, sehr einfache und sehr eindringliche Arbeit. "Ansichten oder ich weiß nicht, ob es akzeptiert wird": Das Porträt einer Ballettschülerin wird zum Streiflicht auf eine Jugend: Leistungszwang, Pressionen; wie wichtig darf das Privatleben sein? Wie weit reichen Hoffnungen? - Oder ein anderer Film: "Rauch ohne Feuer", die Satire auf Bürokratie und Staatsräson. Eine sowjetische Delegation wird in einem Dorf erwartet, doch der Gast läßt den ganzen organisierten Klimbim zur Farce werden. ...

(In: Blum, Heiko R.: Ein bißchen Wahrheit am Rande : viel Unbedeutendes auf der 22. Dokumentarfilmwoche in Leipzig. Stuttgarter Zeitung v. 7.12.1979)

RETROSPEKTIVE DER HOCHSCHULE FÜR FILM UND FERNSEHEN DER DDR "VERSUCHE"

Aus dem Protokoll:

Rümmler, Klaus: Retrospektive
"25 Jahre Hochschule für Film und Fernsehen der DDR"

Peter Ulbrich, Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR zur Eröffnung der Retrospektive


Liebe Genossen und Kollegen,
liebe Freunde des Dokumentarfilms,
liebe Förderer des jungen Dokumentarfilms!

Daß den Studenten und dem Lehrkörper der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR die Gelegenheit gegeben wird, eine Retrospektive aus Anlaß ihres 25jährigen Bestehens auf einem der bedeutendsten Dokumentarfilmfestivals der Welt vorzustellen, das ist für uns eine große Freude. Wir bedanken uns beim Komitee des Festivals, das den jungen Dokumentarfilmkünstlern der DDR diese bedeutende Chance eingeräumt hat, und wir bedanken uns beim Staatlichen Filmarchiv der DDR, ohne dessen aktive Unterstützung die Zusammenstellung der Retrospektive nicht möglich gewesen wäre.
Wir freuen uns besonders darüber, daß wir die Retrospektive hier vor einem sachverständigen Publikum des internationalen Dokumentarfilmschaffens zeigen. Sie werden, sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen, feststellen, welch bedeutende Rolle das Dokumentarfilmschaffen im Prozeß der Ausbildung an dieser Hochschule der Deutschen Demokratischen Republik seit 25 Jahren spielt.
Sie sind hier in Leipzig natürlich gewöhnt, Retrospektiven der Meister zu sehen. Dieses nun ist allerdings keine Retrospektive der Meister. Diese Retrospektive unterscheidet sich mit Sicherheit von allen anderen, die hier je in Leipzig gezeigt wurden. Die Filme dieser Retrospektive sind stets und ausnahmslos die künstlerische Arbeit von Lernenden, also von Menschen, die 2, allenfalls 4 Jahre mit Kino zu tun hatten. Man darf die Retrospektive getrost als die Retrospektive des noch Unfertigen bezeichnen. Die Verwendung des Begriffes des Unfertigen oder besser der Unfertigen soll jedoch nicht abmindern. Die Verwendung dieses Begriffes geschieht vielmehr mit Vorsatz, um darauf zu verweisen, daß, so fertig oder unfertig das einzelne Werk ist, es immer und ausnahmslos das Werk eines jungen und noch lernenden, am Anfang seines Berufes stehenden Kollegen ist.
Sie werden als aufmerksamer Beobachter dieser Retrospektive feststellen, daß der Anteil der Produktionen aus dem ersten Jahrzehnt der HFF gegenüber den siebziger Jahren vergleichsweise gering ist. Dazu bedarf es einer kurzen Erklärung. Dieser Umstand resultiert erstens aus der Tatsache, daß die im Aufbau befindliche Hochschule seinerzeit nur wenige Studenten ausbildete, viel weniger als heute, also auch viel weniger produziert wurde.
Zweitens haben sich die Möglichkeiten der künstlerischen Produktion für die Studenten mit dem Wachstum der Hochschule und dem Wachstum unserer Republik schrittweise erweitert. In den siebziger Jahren verwirklichte sich die Verbindung mit dem Fernsehen und den DEFA-Studios der DDR, die diesen Teil Ausbildungs- und Erziehungsarbeit großzügig unterstützten.Dem Zuschauer, der in der folgenden Woche die Zeit finden wird, sich regelmäßig und aufmerksam dieser Retrospektive zuzuwenden, wird auffallen, insbesondere wenn er die künstlerischen Arbeiten der siebziger Jahre betrachtet, wie groß der Einfluß der kulturpolitischen Entwicklung, der sich nach dem VIII. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands vollzog, auf die gestalterische Potenz der Studierenden wirkte.
Sozialistische, sich in der Entwicklung befindliche Wirklichkeit, das ist der Stoff, aus dem die Filme unserer Studenten gemacht sind. Es wäre ohne Frage viel einfacher und bequemer für Lehrende wie Lernende bei Übungen und Etüden, die nun einmal zur Erlernung unseres Berufes notwendig sind, Variationen zu vorliegenden Drehbüchern der Meister abzuliefern oder lediglich Historie zu betrachten.
Wir wählten ganz im Sinne sozialistischer Kultur- und Kunstpolitik einen anderen Weg. Wenn es so ist, daß die künstlerische Aneignung der Gegenwart das Hauptziel jeder künstlerischen Arbeit ist, dann ist es wohl nur selbstverständlich, daß eine künstlerische Ausbildung eine Ausbildung "mit", "an" und "in" der Gegenwart ist.
Mögen die künstlerischen Handschriften der jungen Kollegen noch gelegentlich ungelenk, die Dramaturgien noch entwicklungsfähig und die handwerkliche Beherrschung noch unfertig sein, so legen doch diese Arbeiten Zeugnis ab von der schöpferischen Potenz einer jungen Künstlergeneration der DDR, die mit beiden Beinen auf dem Boden ihrer Republik steht und deren Herz der Arbeiterklasse und unserer sozialistischen Republik gehört.

Entwicklungslinien der studentischen Film- und Fernsehproduktionen

Anläßlich eines Jubiläums ist es angebracht, Überlegungen zur Kontinuität von Wachstums- und Entwicklungsprozessen anzustellen. Auf den ersten Blick scheint sich eine solche Kontinuität an einer Kunsthochschule wie unserer kaum herzustellen: die Studenten kommen und gehen dann wieder als Absolventen. Von einer Kontinuität anderer Art ist zu reden. Trotz ständigen Bemühens um die Qualifizierung ihrer Leistungen hat die Hochschule nie dem Glauben nachgehangen, sie könne nach vier Jahren Talentpflege Meister ihres Faches entlassen. Gerade das Gegenteil, das Wissen um die eigene Unfertigkeit, kann zu produktiven Haltungen führen. Deshalb entwickelten sich bei vielen Studenten, die in der Vorbereitungs- und Produktionsphase ihrer praktischen Arbeiten standen und stehen, bestimmte Grundhaltungen zu dem von ihnen bevorzugten Stoffgebiet, der sie umgebenden Wirklichkeit DDR. Diese Haltung beim Herangehen an Konflikte und Probleme ist durch Ehrlichkeit und Unvoreingenommenheit, durch Entdeckerfreude und -bereitschaft, durch Neugier, gelegentlich (und zum Glück nicht einmal selten) durch einen humorvollen Blick auf die Realität gekennzeichnet. Gerade hier erwiesen die Studenten, in aller Vielfalt und Differenzierung der Charaktere und Handschriften, ihre Qualitäten als junge, in diesem Lande aufgewachsene und von ihm geprägte sozialistische Persönlichkeiten. In Sicht, Auswahl und Akzentuierung der Filminhalte entwickelt sich ihre Parteilichkeit.
Entdeckungen im eigenen Lebensbereich

War es in der Gründerzeit der Hochschule eine vom Mangel an technischer Ausrüstung diktierte Notwendigkeit, die praktischen Übungen der Studenten auf die dokumentare Beobachtung der sie unmittelbar umgebenden Wirklichkeit zu lenken, so entwickelte sich daraus später ein höchst effektives Lehrprinzip. Gerade der eigene Lebensbereich der Studenten (natürlich nicht nur während des Studiums), ihre Erfahrungen auf den verschiedensten Gebieten des gesellschaftlichen Lebens in der DDR, die Menschen und ihre sich verändernden Lebenshaltungen, erwiesen sich als eine schier unerschöpfliche Quelle für Anregungen, Entdeckungen, Überraschungen. Die Pflicht, eigene Stoffvorschläge zu entwickeln, ist heute den meisten Regie-Studenten Bedürfnis geworden. Inzwischen haben sich über Jahre hinweg zu verfolgende Sujetlinien ausgeprägt, die auf häufig von den Studenten als Gegenstände filmischer Darstellung genutzte Stoffgebiete hinweisen, und das in allen an der Hochschule produzierten Genres. Davon seien hier einige skizziert, ohne dabei auch nur im geringsten Vollständigkeit anstreben zu wollen oder zu können. Die Beschränkung auf Themenkreise und Sujetlinien, die von den Studenten gewählt wurden, ergibt sich nicht nur aus dem vorgegebenen Umfang dieses Beitrages. Sie wurde vielmehr gewählt, weil in diesen Entscheidungsvorgängen am Anfang und im Vorfeld der künstlerischen Gestaltung am präzisesten die Suche nach dem eigenen Standpunkt zur Umwelt, nach dem produktivsten Ausschnitt aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit zum Ausdruck kommt. Hier werden die Grundlagen für alle anderen Arbeitsschritte gelegt, hier erfolgt auch eine erste Bewertung des gewählten Gegenstandes: die Entscheidung über Peripheres oder Zentrales, über Außenseiter oder den gesellschaftlichen Prozeß bestimmende Figuren. Da jener Entscheidungsvorgang an einer Hochschule ein Lernschritt ist, ergibt sich daraus die Notwendigkeit der Übung, die Berechtigung der pädagogischen Lenkung durch Lehrkräfte.

Persönlichkeiten aus der Arbeiterklasse

Vom ersten dokumentierten Hochschulfilm an, der den programmatischen TitelDIE ERSTE SEITE EINER CHRONIK trägt und 1959 von Kurt Tetzlaff (Buch und Regie) und Franz Thoms (Kamera) als Diplomfilm im Dokumentarfilmstudio hergestellt wurde, standen Persönlichkeiten aus der Arbeiterklasse, einzeln oder im Kollektiv, im Mittelpunkt der Darstellung zahlreicher Studentenarbeiten. 1963 drehte Jürgen Eicke unter dem Titel SEINE 43STE ein Porträt mit Reportage-Elementen über einen Brückenbaumeister, 1967 stellte Peter Rocha mit seinem Film DER TURMKLEMPNER einen älteren Arbeiter vor, dessen Lebensgeschichte zugleich auf revolutionäre Traditionen in dem Gebiet um Potsdam und Babelsberg verwies. Bernd Felgentreffs Film DIE PRÜFUNG (1968) zeigte eine Frauenbrigade im Qualifizierungsprozeß für modernisierte technische Anlagen, und im gleichen Jahr zeichnete Volker Koepp unter dem vom Selbstbewußtsein der Dargestellten zeugenden Titel WIR HABEN SCHON EINE GANZE STADT GEBAUT das Kurzporträt einer Bauarbeiterbrigade.
Und als im Januar 1970 die nun bereits zehnjährige Tradition begründet wurde, regelmäßig Studentenarbeiten aus der HFF im Fernsehen der DDR einem breiten Publikum bekanntzumachen, da geschah dies mit Ernst Hanschs Beitrag HEINZ ARNDT - EIN PORTRÄT, in dem einer Berliner Neuerer, ein Zimmerer-Brigadier, vorgestellt wurde. DER GUTE RUF, 1971 unter der Regie von Lothar Großmann realisiert, zeigt feinfühlig am Beispiel einer Brigade im Karl-Marx-Werk Babelsberg Auswirkungen der Umstellungen eines ganzen Produktionsprofils auf die Menschen, zugleich aber auch, wie die Arbeiter diesen Prozeß beherrschen lernen. Ebenfalls ein Brigade-Porträt, nun aber stärker auf die Darstellung der einzelnen Individuen orientiert, die erst die Stärke des Kollektivs ausmachen, zeichnet Heiner Sylvesters 1973 entstandener Versuch ARBEITER AUF JEDEN FALL. Und ALLTAG MIT WIDERSTÄNDEN (Regie: Heinz Brinkmann) aus dem Jahr 1974 geht den Spannungen nach, die zwischen verschiedenen Mitgliedern einer Frauenbrigade in den Teltower elektronischen Werken herrschen; er versucht, die Konflikte ihrer Überwindbarkeit darzustellen.

Auf den Spuren sozialistischer Integration

Im gleichen Jahr zeigte Matthias Makosch in UNGARN AM RENNSTEIG junge Arbeiter und Arbeiterinnen, die im Röhrenwerk "Anna Seghers" tätig sind und so auf ihre Weise nicht nur einen Beitrag zur sozialistischen ökonomischen Integration leisten, sondern auch zum besseren Kennenlernen und zur Annäherung zweier sozialistischer Völker durch die humorvolle Gegenüberstellung ihrer unterschiedlichen Sitten und Bräuche beitragen. Dem gleichen Anliegen war auch der Film ZWEI KAPITEL (1972) verpflichtet, der in anderer Hinsicht ein bedeutendes Novum darstellte: er war die erste Ko-Produktion von Filmstudenten aus den Hochschulen zweier sozialistischer Länder, aus der VR Polen und der DDR. Die Erfahrungen beim Produzieren dieses ersten gemeinsamen Versuches zeigen, daß sich die Studenten nicht nur gegenseitig anregten, sondern daß sie viele Kenntnisse und Fertigkeiten für ihrer spätere Arbeit in anderen Ländern bereits hier erwerben konnten: jenen Effekt der Integration, der durch gemeinsames Leben, durch gemeinsames Wirken für dasselbe Ziel erreicht wird und nur schwer durch andere Formen der Bekanntschaft mit fremden Ländern und Menschen zu ersetzen ist.
Dieses Thema wurde wiederum Gegenstand des Films MARECZKU, LIEBER JUNGE aus dem Jahre 1975. Bodo Fürneisen gab darin Erlebnisse junger Polen wieder, die sie bei der Arbeit im EAW Berlin-Treptow und bei der Freizeitgestaltung mit ihren Freunden und Kollegen aus der DDR hatten. Auch hier fand sich nicht etwa Konfliktlosigkeit, sondern die Bereitschaft teils auf Jahrhunderte alte Widersprüche zurückgehende Differenzen nun endlich zu beseitigen - selbstverständlich ohne Aufgabe der nationalen Eigenarten, also: Behauptung der nationalen Identität durch Austausch; Annäherung durch Assimilation. Eine Art Gegenstück zu diesem Film gelang Roland Steiner mit WERKTAGE (1977), als er jugendliche Arbeiterinnen aus der DDR in einem Viskose-Werk im ungarischen Esztergom beobachtete und interviewte. Das Fazit: Erlebnisse und Erfahrungen der jungen Leute hier und dort im befreundeten Ausland ähneln sich aufs Haar. In diesen Beiträgen stehen 20-25jährige Menschen im Mittelpunkt der Darstellung, etwa gleichaltrig mit denen, die über sie Filme machten.
Einen neuen, qualitativ anderen Aspekt wußte Marion Seiferth diesem Themenkomplex abzugewinnen. Ihr Film ... UND ZURÜCK BLEIBT DER ALLTAG behandelt das Leben einer jungen Frau mit zwei Kindern, deren Mann mehrere Jahre lang an einem bedeutenden Integrationsobjekt in der UdSSR arbeitet und die nun allein die alltäglichen Mühen und
Sorgen zu tragen hat.Zeitgenossen im Stahlwerk, im Steinbruch, im Forst

Um Probleme bei der Ausbildung von Lehrlingen in Lauchhammer ging es Jörg Andrees bei seinem Film JUNGE BIRKEN (1975); ein liebevolles Gruppenporträt dreier älterer Arbeiterinnen aus dem EKO Eisenhüttenstadt zeichnete Karl-Heinz Lotz 1976 in ELSE, ELLA UND EMMA. Überhaupt häuften sich in diesem Jahr die Beiträge über Stahlarbeiter: Hans-Jürgen Ender fand DIE LEUTE VOM QUENZ auf dem Schrottplatz des Stahlwerkes Brandenburg, WER DEN SOMMER ÜBER BLEIBT (Gabriele Bent) und WEIL ICH HIER ARBEITE (Julia Kunert) zeigen Arbeiter aus dem Stahlwerk Hennigsdorf. All diese Arbeiten sind nicht schlechthin Gruppenporträts, sondern sie suchen Aufschluß über den Menschen unserer Tage, indem sie ihn im Verhältnis zu seiner Umwelt, vor allem im Verhalten gegenüber seinem Arbeitskollektiv zeigen: sie entdecken Persönlichkeiten mit charakteristischen Eigenschaften, die sie unverwechselbar erscheinen lassen als unsere Zeitgenossen, als Gestalter dieses Staates, den sie verändern, dabei sich selbst verändernd. Und nicht zuletzt die differenzierende Darstellung ihrer Widersprüchlichkeit ist es, die diese Figuren dem Zuschauer sympathisch macht und ihm nahe bringt und ihm Anregung gibt zum Überdenken eigener Standpunkte und Haltungen.
Vor dem historischen Hintergrund eines schon vor Jahrtausenden entstandenen Berufes drehte Gabriele Denecke eine Reportage über Steinbrucharbeiter im sächsischen Elbsandsteingebirge, WER EIN PAAR HOLZLATSCHEN ABGELAUFEN HAT, die behutsam die optischen Reize der Gegend und das von körperlicher Anstrengung gezeichnete Ringen des Menschen mit der Natur durch die Kamera (Eberhard Geick) nicht nur aufnimmt, sondern auch interpretiert. Hier schließt sich thematisch Donat Schobers Film STEINMETZEN ( 1976) an, der in der Restaurierungswerkstatt von Potsdam-Sanssouci den Menschen auf die Finger schaut, die den kostbaren Sandstein weiter verarbeiten. Jan Bereskas HOLZFÄLLER aus dem Jahre 1978 ordnet sich in die lange Reihe der Brigadeporträts ein, die das Verhältnis der einzelnen im Kollektiv untersuchen und darstellen, hier unterstützt durch eine außerordentlich sensible Kamera (Karl Hey). Auch in den in jüngster Zeit wieder stärker betriebenen Produktionen im dramatischen Genre finden wir Arbeiter als zentrale Gestalten, so in DIE KÜNDIGUNG (Dagmar Wittmers) und DIE EISERNE ROSE (Udo Witte), beide entstanden 1977/78, wie auch bereits in Georg Schiemanns Diplomfilm EIN TAG IN MEINEM LEBEN (1974).

Originelle, liebenswürdige Menschen

Eine ähnliche Sujet-Linie läßt sich verfolgen, wenn man die Stoffe betrachtet, die in der sozialistischen Landwirtschaft ihr Thema suchten.
Schon 1959 beispielsweise stellte Kurt Bobek in seiner Kamera-Übung eine LANDWIRTSCHAFTLICHE SCHULE vor, 1971 drehte Dieter Seidel seinen Film SILBERHOCHZEIT über Genossenschaftsbauern in der Prignitz, der dem 25. Jahrestag der Bodenreform gewidmet war; schließlich brachten DER HAMSTERFÄNGER VON HAMERSLEBEN (Hartmut Sommerschuh, 1975) und DINGSLEBENER BILDERBOGEN (Hans-Jürgen Ender, 1977) viel Spaß und Schmunzeln wegen der originellen und liebenswürdigen Persönlichkeiten, die da entdeckt worden waren, zugleich aber auch wegen der humorvollen und freundlichen Sicht der Filmemacher konfrontiert wurden, Anregung und
Widerspruch zugleich suchend.Antifaschistische Thematik - eigene Standpunkte

Aus dem Themenkreis antifaschistischer Kampf sind Beispiele, Erinnerungen, Filmausschnitte in zahlreichen Hochschulproduktionen enthalten. Hier aber soll auf eine Reihe von Beiträgen verwiesen sein, die sich diesem Thema aus der Vergangenheit unseres Volkes bewußt und direkt stellen, indem sie, nach Konfrontation suchend, heutige Situationen zum Vergleich und zur Kommentierung heranziehen.
Das geschieht mit großer Treffsicherheit schon in einem der frühesten Spielfilme aus der Hochschule, in Celino Bleiweiß' Diplomfilm DAS SPIEL. Ein Basketballspiel zwischen Mannschaften aus der Sowjetunion und aus der DDR ist der Rahmen für die Erinnerung an ein ganz anderes Spiel, das Faschisten mit gefangenen Sowjetbürgern trieben, um deren Standfestigkeit zu prüfen. Dokumentare Gestaltungsmittel dagegen verwendet FLAMMEN (1970) von Konrad Weiß. Der Regie-Student führte Ende der sechziger Jahre Interviews mit Überlebenden einer kommunistischen Widerstandsgruppe, Freunde der Sowjetunion. In diese Gespräche montiert sind Kompilationsmaterialien aus faschistischen Wochenschauen und anderen Nazi-Propagandafilmen, die die Sowjetunion und ihre Menschen verunglimpfen sollen. Konrad Weiß erreicht durch diese Gegenüberstellung eine hohen Grad an Authentizität, des es dem Zuschauer leicht macht, nicht nur die Vergangenheit, sondern auch das Verbrecherische in der Methodik der Faschisten zu erkennen und zu durchschauen.
Mit ähnlichen Mitteln, wenngleich mit einem anderen emotionalen Akzent arbeitete Hans Werner bei seinem Film REFLEXIONEN. Ein älterer Arbeiter erinnert sich beim Hören von "Les Préludes" an Szenen aus seinem Leben. Auch für diese Erinnerungen wird vorwiegend Kompilationsmaterial verwendet, aber Ausgangspunkt und Wirkung unterscheiden sich doch wesentlich von FLAMMEN. Durch die Form der Assoziationsmontage auf eine bekannte Melodie wird beim Zuschauer die Einsicht in die Zusammenhänge emotional vertieft - und dabei ein Stück des von Faschisten mißbrauchten Erbes für uns zurückgewonnen.
Bleibt noch ein vorläufig letztes Beispiel, aus den letzten Produktionsjahren, zu nennen: TROMPETE, GLOCKE, LETZTE BRIEFE (Peter Kahane, 1978) sind Zeugnisse, die für den Widerstandskampf stehen können ebenso wie die Aussagen der Berliner Arbeiterveteranen, die über ihren Kampf berichten, die Niederlagen nicht verschweigend, aber doch mit der Gewißheit des Sieges über den Faschismus, die ihr ganzes
Leben geprägt hat.
Alle genannten Beiträge zu dieser Thematik haben gemeinsam, daß sich die jungen Menschen anhand von Sach- und Filmzeugnissen ihren eigenen Standpunkt zu den Greueln des Faschismus erarbeiten: sie setzen im Geschichtsunterricht Gelerntes um in eigene Haltung. Gerade dadurch wirkt ihre Reaktion frisch, unverbraucht, auch Ältere zu neuen Assoziationen
drängend.
Ausländische Studenten - internationale Solidarität

Gans besondere Akzente wurden und werden in die Film- und Fernsehproduktionen an der HFF durch Studenten aus fremden Ländern getragen. Ihnen sollen einige letzte Betrachtungen gelten. Immerhin haben die HFF seit ihrem Bestehen unter 1388 Absolventen auch 97 ausländische Absolventen aus 32 Ländern verlassen.
Erlebnisse im Gastland DDR, die auch zu mancherlei Vergleichen mit ähnlichen Situationen im jeweiligen Heimatland Anregung gaben, wurden in mehreren Beiträgen gestaltet. So stellte Alfredo Calvimontes aus Bolivien in seinem Film QUERIDO ROBERTO - EIN BRIEF AUS DER DDR Menschen und Städte aus dem Bezirk Frankfurt/Oder in ihrer Entwicklung seit der Gründung der DDR vor. Ahmed Rohmi aus Jordanien beobachtete 1964 in DIE PROBE die Arbeitsweise des Berliner Ensembles bei der Inszenierung von Brechts CORIOLAN-Bearbeitung. Kaiss Al-Zubaidi aus dem Irak zeichnete in seinem Beitrag IM MÖWENPFLUG DER JAHRE (1967) einfühlsam das Porträt eines älteren Fischers auf der Insel Hiddensee, und Riad Ali Saad aus dem Libanon beobachtete in dem Film MARHABA ROSTOCK (1979) Menschen in der Hafen- und Universitätsstadt an der Ostseeküste. ZWEI AUS SOWETO (Hashim Said aus Somalia, 1978) beobachtet südafrikanische Studenten an der Ingenieurschule für tropische Landwirtschaft in Altenburg.
Und eine anläßlich des Brecht-Dialoges 1966/67 entstandene Inszenierung des Stückes DIE AUSNAHME UND DIE REGEL in arabischer Sprache und mit Darstellern aus mehreren arabischen Ländern zeichnete der gleichnamige Beitrag von Luay El-Kadhi (Irak) auf.
Der direkten Solidarität mit von imperialistischen Staaten bedrohten Völkern widmeten sich zahlreiche Studentenarbeiten, manchmal auch in Form kurzer Filmplakate oder Spots unmittelbare Antwort auf Verbrechen der internationalen Reaktion suchend. Hierfür seien als Beispiele aufgeführt: der gegen Rassendiskriminierung gerichtete Film JAGDPARTIE (1964) von Ibrahim Shadded (Sudan) und der von der faschistischen Okkupation Griechenlands handelnde Streifen EXECUTION (1966) von Constantin Coconis (Griechenland), die 1966 unter der Mentorenschaft von Karl Gass entstandenen VIETNAM-EPISODEN, gestaltet von Alfredo Calvimontes (Bolivien), Kamal Saydo (SAR) sowie Peter Rocha und Konrad Weiß; in diese Reihe gehören auch ...AUF DASS DU MIT MIR SINGST (1975), ein Film von Lothar Hans mit Versen von Pablo Neruda, und schließlich aus neuester Zeit CUANDO DE CHILE von Michael Kann und Kari Karmasalo (Finnland).
Resümierend kann man sagen, daß die Studentenarbeiten aus der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR auf ihre Weise und mit ihren Mitteln beigetragen haben zur Chronik der dreißigjährigen Entwicklung unseres Landes und darüber hinaus zum Befreiungskampf der Völker in aller Welt. Exakte Untersuchungen über die dem Studium folgenden Prozesse im Beruf gibt es noch nicht. Aber sie können lohnenswert sein: weil die Qualität der Arbeit einer Hochschule nicht an sich selbst zu messen ist, sondern einzig und allein an den Leistungen ihrer Absolventen in der gesellschaftlichen Praxis und für sie.


Der A 57 siehe 1967

Abenteurer
Diplomfilm 35mm s/w 21 min PJ: 1965
DB/RE: Hans Kratzert - DB/KA: Siegfried Oschatz -
KA-AS: Rolly Kretzschmar ; Ekkehard Grandke

Allium Cepa oder Die Wirkung der Zwiebel auf die Stadt Weimar
siehe 1972 u.d.T: Zwiebelmarkt

An-Sichten vom Zugfahren siehe 1975

... Auf daß du mit mir singst siehe 1974

Auf dem Bahnsteig
35mm s/w 5 min PJ: 1957
RE/DB: Kurt Tetzlaff - KA: Manfred Hildebrandt

Blumenland siehe 1976

Die Brautwerbung siehe 1976

Deutschlandtreffen
35mm s/w 4:23 min PJ: 1964
DB/RE/KA: Thomas Kuschel ; Wolfgang Reinhold ; B. Pieper

Die die Steine sprechen lassen siehe 1967

Dingslebener Bilderbogen siehe 1977

Drahtseilakrobaten (AT: Hochspannung)
Diplomfilm 35mm s/w 10:32 min PJ: 1967
RE/DB/KA: Lothar Thierfelder - SC: Renate Haupt

Ein Mädchen und eine Junge
Hauptprüfungsfilm 16mm s/w 16 min PJ: 1975
DB/RE: Sybille Steiner-Rehahn - KA: Helmut Heine -
KA-AS: Hellmut Hubmann - DR: Egbert Lipowski

Ein Maler steht Modell
16mm c 12 min PJ: 1972
DB/RE: Michael Krull - DB: Waldemar Spender - DR. Wolfgang Kellner -
KA: Ulrich Lewald - KA-AS: Eckart Schuricht - PL: Erika Zornemann -
SC: Karin Döring

Eine Gleis-Bettgeschichte (AT: Eisenbahner)
16mm s/w 18 min PJ: 1976
RE/DB/KA: Hellmut Hubmann ; Hagen Lettow - KA-AS: Jordan Kostow -
DR: Roland Neumann - TO: Jürgen Hentschel

Einfach eine Probe siehe 1970

Die eiserne Rose
Diplomfilm 35mm c 53 min PJ:1977
DB/RE: Udo Witte - KA: Armin Gießmann - KA-AS: Bernd Dombrowski -
DR: Hans-Joachim Wallstein

Erika T. - Notizen über eine Frau des Jahrganges 1918 siehe 1970

Die Exekution siehe 1967

Flammen siehe 1968
(hier die Vorführung der 2. Fassung von 1970)

Fräulein Thanh (=Fräulein Than) siehe 1969

Der Hamsterfänger von Hamersleben siehe 1975

Heinz Arndt - ein Porträt siehe 1969

Holzfäller siehe 1977

Ist der Mann gleichberechtigt?
16mm s/w 30 min PJ: 1971
DB/RE: Hans-Jürgen Hohmann - KA: Herwig Gerlach - DR: Angelika Mieth

Im Möwenflug der Jahre siehe 1968

Jagdpartie siehe 1964

Die Kollwitz und ihre Kinder siehe 1971

Larifari
Diplomfilm 16mm s/w 30 min PJ: 1975
RE/DB: Gabriele Schwartzkopff - DB: Rainer Schulz - DR: Egbert Lipowski -
KA: Hartmut Lange - KA-AS: Werner Helbig - PL: Sonja Schmutzer -
SC: Gerda von Dorszewski

Maler
Diplomfilm 16mm c 33 min PJ: 1976
DB/RE: Gabriele Bent - DR: Egbert Lipowski - KA: Alfred Kirschner -
KA-AS: Christina Netzeband - PL: Wolfgang Günther - SC: Gabriele Glaser

Mareczku, lieber Junge siehe 1976

Mahaba - Rostock siehe 1970

Mein Kumpel Tonka
Diplomfilm 35mm s/w 24:25 min PJ: 1959
DB/RE: Werner W. Wallroth - KA: Günter Ost ; Franz Thoms

Memento
Diplomfilm 35mm s/w 16 min PJ: 1966
DB/RE: Karlheinz Mund - KA: Werner Kohlert ; Christian Lehmann

Natürlich 1!
16mm s/w 20 min PJ: 1971
RE/DB: Ursula Flügge - DB: Waldemar Spender - RE-AS: Karl-Heinz Bahls -
DR: Hermann Otto-Lauterbach - KA: Michael Kies ; Jürgen Hoeftmann -
KA-AS: Wolfram Hornbogen - SC: Eveline Pust - TO: Wassil Filipow -
PL: Gerhard Mundl - AL: Roland Theiss

Notwendige Lehrjahre (AT: Werkhof)
Diplomfilm 35mm s/w 2 min PJ: 1960
DB/RE: Jürgen Böttcher - KA: Peter Brand - PL: Rudolf Jürschik

Oldtimer
35mm s/w 55 min PJ: 1975
RE/DB: Georgi Kissimov - DB: Klaus Poche - DR: Egbert Lipowski -
KA: Werner Helbig -KA-AS: Hartmut Lange ; Helmut Timm - PL: Frauke Hecht -
AL: Ulrich Möller - SC: Marianne Rotter

Der Onkel ist tot (=Der Tod des Onkels) siehe 1967

Paragraph 14 (AT: Jugendwerkhof)
35mm s/w 24 min PJ: 1968
DB/RE/KA: Ulrich Weiß - KA-AS: Lothar Keil

Die Probe siehe 1964

Querido Roberto - ein Brief aus der DDR
(AT: Ein Brief an meine Mutter in Amerika)
35mm s/w 20 min PJ: 1969
DB/RE: Alfredo Calvimontes - DR: Barbara Trogisch -
KA: Plamen Wagenstein - KA-AS: Cobblah Mensah ; Heinz Brinkmann -
TR: Werner Kadoch - AL: Manfred Schubert

Reflexionen siehe 1972

Rosinante - eine tragende Rolle siehe 1973

Seine Dreiundvierzigste siehe 1963

Das Spiel siehe 1962

Struga - Bilder einer Landschaft siehe 1972

Trompete, Glocke, letzte Briefe siehe 1978

... und zurück bleibt der Alltag siehe 1978

Was man sonst nicht sieht siehe 1962

Wer ein Paar Holzlatschen abgelaufen hat ... siehe 1975

Wir haben schon eine ganze Stadt gebaut (AT: Baubrigade)
35mm s/w 5 min PJ: 1968
RE/DB: Volker Koepp - KA: Jürgen Lenz - SC: Gerda von Dorszewski -
TR: Hans Jürgen Deponte - AL: Michael Zielske

Das Wunder von Schimmelsdorf
Diplomfilm 35mm s/w 44 min PJ: 1963
DB/RE: Rainer Bär - KA: Klaus Haberzettel ; Peter Milinski -
PL: Lothar Erdmann - SC: Bärbel Schnitte - TO: Eberhard Mieke

Zu jung für Memoiren siehe 1969

Zwei Kapitel siehe 1973
(1.Teil: Wo Hagnos Holzhüttchen steht)

Die Retrospektive "Versuche", anläßlich des 25jährigens Bestehens der HFF, erhielt den
Preis der Internationalen Filmkritik (FIPRESCI) (Ehrende Anerkennung)



Presse


... Die am Sonnabend eröffnete Retrospektive macht aus Anlaß des 25jährigen Bestehens der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR mit 56 Etüden und Diplomfilmen von Absolventen aus zwölf Ländern, darunter aus Bolivien, Ghana, Irak, Jordanien, Kamerun, Libanon, Sudan und Venezuela bekannt.

(In: ... : Dokfilm-Marathon mit Themen-Vielfalt : Leipzig: Beifall für Streifen von 24 Teilnehmern. Berliner Zeitung v. 26.11.1979)

... Erfreulich der Umstand, daß sich eine neue Generation von Filmemachern anschickt, den Staffelstab der Altmeister - ein Sonderprogramm war Santiago Alvarez gewidmet - zu übernehmen. "Versuche", die Retrospektive mit Studentenfilmen aus Babelsberg und ein Forum der Internationalen Vereinigung der Film- und Fernsehschulen, waren angetan, diesen Trend zu unterstützen. ...

(In: Weidhaas, Volker: Leipziger Ernste '79 - Appelle an das öffentliche Gewissen : zum Abschluß der XXIII. Internationalen Dokumentar- und Kurzfilmwoche. Berliner Zeitung v. 4.12.1979)
Filme von Studenten und Absolventen der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR nahmen im Programm der Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwochen immer schon einen besonderen Platz ein. Die in Sonderprogrammen zusammengestellten Werke liefen außerhalb des Wettbewerbs, übertrafen aber zumindest in den letzten Jahren in ihrer Originalität und künstlerischen Dichte die meisten Beiträge des Hauptprogrammes. Dort herrschten zumeist Reportagen vor, schnell zusammengeschusterte Fernseh-Publizistik, die es mit der Information nicht immer so genau nahm und eine sicher wichtige und auch wünscheswerteParteilichkeit oft mit Geschichtsklitterei verwechselte. Die Filme der HFF arbeiteten dagegen durchweg mit inszenatorischen Mitteln, zuweilen mit den Mitteln des Spielfilms. Sie erkunden und montieren ihr Material nach künstlerischen Gesichtspunkten. Hier sprechen noch die Bilder, und kein pausenlos quäkender Kommentar verleidet einem das Sehen. Hörspielfilmewaren noch nie der Stil der HFF. Die diesjährige Retrospektive studentischen Filmschaffens aus Anlaß des 25jährigen Bestehens der Hochschule gab nicht nur Aufschluß über das sich ständig weiterentwickelnde Leistungsvermögen der jungen Filmschaffenden, von denen ja viele mittlerweile in den Olymp der Dokumentarfilmer aufgestiegen sind, sie war gleichzeitig auch eine bebilderte Chronik über die gesellschaftliche Entwicklung der in diesem Jahre ihren 30. Geburtstag feiernden DDR. Die Retrospektive stellte 56 ausgesuchte Arbeiten Lernender vor und beschränkte sich dankenswerterweise nicht nur auf diplomierte Abschlußarbeiten, sondern stellte auch Übungen aus dem ersten Studienabschnitt vor. Da die HFF eine internationale Hochschule ist und besonders eng mit Ländern der Dritten Welt zusammenarbeitet, wurden auch eine Reihe Arbeiten dieser Gaststudenten vorgeführt. Und die Auswahl beschränkte sich nicht nur auf Meisterwerke, auch dem Schrottwurde eine Chance gegeben. Ein im wahrsten Sinne breites Spektrum wurde ohne Furcht vor Kritik und auch mit beneidenswerter Selbstkritik vorgestellt. Zwei Themen beschäftigten die Studenten in der Anfangsphase der Hochschule immer wieder: Der Aufbau ihres Staates und die Abrechnung mit dem Faschismus. Ihre Verbundenheit mit der Arbeiterklasse und der sozialistischen Gesellschaftsordnung manifestiert sich in so kraftvoll inszenierten Arbeiten wie Kurt Tetzlaffs DIE ERSTE SEITE EINER CHRONIK (1959), einem Film über den Wiederaufbau eines Bergwerks, aber auch in so untalentierten Arbeiter-Lobhudeleien wie Jürgen Eickes SEINE DREIUNDVIERZIGSTE (1963) - gemeint ist die Montage einer Brücke. Bei vielen dieser die Arbeitswelt porträtierenden Filmen war zu beobachten, daß die Autoren zwar ihr Objekt erkundet hatten, es beschrieben, bewerteten, aber eine Reflexion sich zumeist versagten. Besonders die Arbeiten der fünfziger und sechziger Jahre waren noch weit entfernt von Selbstkritik oder gar Selbstironie. Eine optimistisch-naive Zukunftsstimmung und Verklärung der Wirklichkeit hieß die Maxime, sicherlich bedingt auch durch die allgemeine politische Situation. Dieselben Beobachtungen ließen sich auch bei den Filmen machen, die sich mit dem Faschismus beschäftigten. Hier wählten die Regisseure die Form des Kurzspielfilms, um dem Zuschauer mehr die Möglichkeit der Identifikation geben zu können. DAS SPIEL (1962) von Celino Bleiweiss, unter Mentor Konrad Wolf gedreht, zeigt einen sowjetischen Kriegsgefangenen, der durch seine Basketballkünste Kameraden vor dem Tode rettet, indem er mit dem sadistischen SS-Führer ein Spiel ums Leben vereinbart. Trotz oder gerade wegen seiner traditionellen Spannungsdramaturgie geht der Film auch heute noch unter die Haut. Fünfzehn Jahre später haben sich nicht nur die formalen Mittel geändert, auch in den Köpfen der Studenten laufen ganz andere Denkprozesse ab: Ergebnis ist das schon mehrfach preisgekrönte Porträt eines antifaschistischen Widerstandskämpfers von Peter Kahane TROMPETE, GLOCKE, LETZTE BRIEFE (1977), der humorvoll und in
erfrischender Interview-Technik seine Hauptfigur erzählen läßt.Aus diesen Jahren stammen auch die Beiträge von Evelyn Bauer LASSET DIE KINDLEIN ... (1976) und Hansjürgen Ender DINGSLEBENER BILDERBOGEN (1977), die liebevolle Vorurteile im familiären Bereich und Kleinstadtleben auf die Schippe nehmen. Aber da sie den Menschen mit all seinen Schwächen und Unzulänglichkeiten zeigen, sein Porträt einmal nicht durch eine ideologisch eingefärbte Brille zu sehen, kommen sie der Wirklichkeit, auch der sozialistischen, wohl am nächsten. Jedenfalls gab es bei diesen Filmen auch den meisten Applaus des Publikums und spontane Zwischenrufe. Auch das gibt es zu vermerken: die Zuschauer beklatschen nicht wie vor Jahren brav jeden noch so unerträglichen Beitrag. Man genierte sich nicht, bei Kulturfilmlangweilern wie Halim Mustafas Ausgrabungsreport DIE DIE STEINE SPRECHEN LASSEN (1967) demonstrativ und scharenweise das Kino zu verlassen. Andererseits zeigte man sich auch sehr empfänglich für filmische Etüden, deren wenige Beispiele es nach Kurt Tetzlaffs brillant montiertem Eröffnungsfilm AUF DEM BAHNSTEIG (1957) aber auch schwer hatten. Das Leben, das sein 5-Minuten-Stummfilm vermittelte, hätte man vielen Beiträgen gewünscht. Immerhin ist der Informations- und filmhistorische Wert dieser Retrospektive nicht hoch genug einzuschätzen, auch wenn man bei der Auswahl manchmal etwas den Eindruck hatte, daß die Festivalleitung in dem Bemühen, keinem auf den (ideologischen) Schlips zu treten, einige bessere Pferde vielleicht am Start zurückgehalten hatte. Trotzdem: Die Retro war diesmal die Reise nach Leipzig wert - was ich von dem Hauptfestival nicht uneingeschränkt behaupten möchte. Aber vielleicht erobert das junge Blut der Hochschule demnächst nicht nur die große Leinwand, sondern auch die davor aufgebauten Kultur-Funktionärsstühlchen, damit wieder etwas Leben in das zu erstarren drohende Festival kommt.

(In: Hamacher, Rolf-Ruediger: Dokumentarfilm ist immer auch Erkundung : "Versuche" - eine Retrospektive von Studentenfilmen der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR anläßlich der Leipziger DOK-Woche. - Film-Korrespondenz v. 18.12.1979, Nr. 12, S.6-7)

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