Es muß 1967 gewesen sein (mein Studium an der Leipziger Theaterhochschule hatte gerade begonnen), als ich das erste Mal Filme der HFF während der Leipziger Dok-Woche sah. Eigentlich eher dem Theater und damit dem Theatralischen verpflichtet und bis dahin im Wesentlichen durch die kulturellen Ereignisse in meiner Südthüringer Heimat geprägt, war die erste Begegnung mit dem "dokumentaren Blick" auf die Wirklichkeit von nachhaltiger Bedeutung. Zwei Jahre später konnte ich als nunmehriger HFF-Student am Festival teilnehmen und für das tägliche Festivalbulletin mein erstes und dazu bezahltes Interview mit einem lateinamerikanischen Dokumentarfilmregisseur schreiben. Wiederum ein Jahr später lief im Rahmen des Hochschulprogramms ein Film, für dessen dramaturgische Betreuung ich mein künstlerisch-praktisches Diplom bekam. Die theoretische Diplomarbeit war aber besser als die praktische und brachte mir statt des bereits abgeschlossenen Vertrages als DEFA-Dramaturg eine wissenschaftliche Laufbahn. Dieser Wechsel von der Macherposition in die des wissenschaftlich-reflektierenden Beobachters hat die Verbindung zur HFF, ihren Filmen und insbesondere zu ihrer Präsentation auf der Leipziger Dok-Woche nie ernsthaft abreißen lassen: Mein neues Arbeitsfeld, die sozialwissenschaftliche Jugend- und Kunstforschung, war dem filmischen Erkunden der Wirklichkeit durch die FilmstudentInnen und natürlich auch der durch die Profis der DEFA-Dokfilmstudios viel zu verwandt, als das hier ein Gegeneinander hätte entstehen können. Die Ergebnisse solcherart filmischer Wirklichkeitserkundungen, soweit sie in Leipzig zu sehen waren, fielen unterschiedlich aus. Bemerkenswert war immer ein hoher filmischer Qualitätsstandard: Wenn das Thema akzeptiert war spielte offenbar auch an der HFF das Geld nur eine untergeordnete Rolle. Es gab immer Filme, die dem politisch gewollten thematischen Mainstream verpflichtet waren (internationale Solidarität, Jugendbrigaden, Freundschaft zur Sowjetunion, antifaschistischer Widerstandskampf, wissenschaftlich-technische Revolution etc.) und es gab immer Filme, die durch Themen und/oder Gestaltungsweisen vom Mainstream abwichen. Insofern waren die meist im legendären Leipziger "Casino" durchgeführten Sonderveranstaltungen der HFF eine "Pflicht" für alle an der DDR-Wirklichkeit und an filmischen Innovationen interessierten BesucherInnen.
Ich erinnere mich an Filme wie "Struga - Bilder einer Landschaft" (RE: Konrad Herrmann), "Werner Tüble - Studie zu einem Porträt" (RE: Karola Wiemann), "Trompete, Glocke, letzte Briefe" (RE: Peter Kahane), "Rauch ohne Feuer" (RE: Helge Trimpert), "Alle Jaher wieder" (RE: Andreas Höntsch), "Alfred" (RE: Andreas Voigt), "Aber wenn man so leben will wie ich" (RE: Bernd Sahling) und natürlich an die "Aufbruch-Filme" der HFF, die 1989 in Leipzig liefen: "10 Tage im Oktober" (RE: Thomas Frick), "Es lebe die R... " (RE: Jörn Zielke) und "Aufbruch 89 - Dresden" (RE: ein Team von HFF-StudentInnen). Um die Selektivität meines Gedächtnisses wissend füge ich hinzu, daß dieser Überblick nicht repräsentativ sondern eher sehr subjektiv ist.
Erst aus Gesprächen und später aus Akten wurde ich mit Restriktionen konfrontiert, die StudentInnen erleiden mußten, die sich zu bestimmten Zeiten nicht konformgemäß verhielten (es gab hin und wieder auch Zeiten, wo filmischer Nonkonformismus zwar nicht befördert aber zumindest geduldet wurde). Deren realisierten oder meist nur konzipierten Projekten kann diese Broschüre leider nicht gerecht werden.
Es gab natürlich auch nach 1989 interessante HFF-Filme in Leipzig und es wird sie hoffentlich auch noch in den nächsten Jahren geben: Aber, das Wegbrechen von - nicht nur sozialismusspezifischen ("Ersatzöffentlichkeit" etc.) - Funktionen des Dokumentarfilms in den Gesellschaften hat im Zusammenhang mit den bundesweit reduzierten Mitteln für die Hochschulausbildung nicht gerade einen Dokfilmboom ausgelöst. Da der Wunsch, die Wirklichkeit auch filmisch zu erkunden aber ungebrochen scheint, bin ich trotz fehlender Mittel für Nullkopien u.ä. optimistisch, daß es an dieser Hochschule auch weit über die Jahrtausendwende hinaus genügend Studierende und Lehrende geben wird, die die dokumentare Abbildung und Realität über ihre fiktionale Erfindung stellen werden.
Bleibt mir nur noch, abschließend den KollegInnen der Bibliothek für ihre Arbeit und ihr Engagement zu danken und dem Leipziger Festival noch viele erfolgreiche Festivals zu wünschen.
Prof. Dr. Dieter Wiedemann
- Rektor der HFF -
Potsdam, im September 1997